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Ein Raum für den Dialog mit Gott und den Menschen

Pfarrer für Citykirchenarbeit an der Marktkirche wurde eingeführt

In einem Gottesdienst am 3. September wurde Jan Vicari durch Assessorin Monika Kindsgrab, stellvertretende Superintendentin des Kirchenkreises Essen, in die wieder errichtete kreiskirchliche Pfarrstelle für Citykirchenarbeit eingeführt. Damit verfügt die älteste protestantische Kirche in der Essener Innenstadt nach der formellen Aufhebung der Pfarrstelle und dem Wechsel des damaligen Citypfarrers Matthias Pape zur Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau im Jahr 2008 wieder über einen eigenen Pfarrer. Jan Vicari wirkt bereits seit Ende seines Vikariats im April 2021 an der Marktkirche. Wir haben mit ihm über aktuelle Herausforderungen für die Cityseelsorge, seine bisherigen Erfahrungen und Zukunftspläne gesprochen:

WORIN BESTEHEN AUS IHRER SICHT DIE BESONDEREN HERAUSFORDERUNGEN UND AUFGABEN FÜR DIE CITYSEELSORGE AN DIESEM ORT?

Unsere Stadtmitte ist in einem großen Veränderungsprozess. Da sind wir als Kirche mittendrin und das ist sehr gut so. Ich finde, wir tragen mit Verantwortung dafür, dass Menschen gerne hierher kommen, einander begegnen können, angeregt nach Hause zurückkehren. Dafür gibt es aber keine Patentrezepte. Es braucht offene Ohren und Augen für die Möglichkeiten, die sich hier bieten, und für die Menschen, die hier arbeiten, spazieren, einkaufen. Als Raum für Gebet und Ruhe, für den Dialog mit Gott und mit den Menschen bringen wir ein ganz besonderes Potential ein.

WAS MACHT IHRE ARBEIT AN DER MARKTKIRCHE REICH?

Die Marktkirche ist schlicht ein wunderschöner Raum, finde ich, den viele Menschen gerne und regelmäßig aufsuchen. Sie liegt an einem überschaubaren Platz, der viel mehr sein könnte als er im Moment ist. Und sie wird seit Jahren von einer Vielzahl von Menschen mitgestaltet, die hier mit viel Herzblut Gottesdienste organisieren, die sich bei Aktionen und Projekten einbringen, und hier Leben mitgestalten. Alles das ist der Reichtum dieses Ortes, mit dem ich arbeiten darf.

WARUM LIEGEN IHNEN DIE MENSCHEN, DIE SIE MIT IHREN ANGEBOTEN ERREICHEN WOLLEN, BESONDERS AM HERZEN?

Mit der Citykirchenarbeit bringen wir auf eine öffentliche Bühne, was an vielen Stellen unserer Kirche passiert: Die evangelische Kirche setzt sich für das Zusammenleben aller Menschen dieser Stadt ein. Sie kümmert sich nicht nur um ihre Mitglieder, sondern sucht nach den brennenden Themen und drängenden Fragen dieser Stadtgesellschaft. Sie hat keine fertigen Antworten, sondern bringt Menschen zusammen, die sich für eine gute und gerechte Zukunft einsetzen. Dafür braucht es real erlebbare Orte. Dass das geschieht, ist mir persönlich wichtig. Als Christ bin ich mir sicher: So sollen wir Segen sein füreinander.

AN WELCHE PROJEKTE, DIE SIE SEIT APRIL 2021 IN UND AN DER MARKTKIRCHE DURCHGEFÜHRT HABEN, ERINNERN SIE SICH BESONDERS GERNE UND WARUM?

Die Marktkirche ist für Überraschung gut, merke ich immer wieder: Menschen kommen rein und stehen staunend im gläsernen Westchor, dem blauen Glaskubus. Gut, dass wir dafür an sechs Tagen geöffnet haben. Solche Überraschungsmomente tragen wir zu unseren großen Stadtfesten bei und wir bringen sie auch nach draußen: An unserem street piano, dem Stadtkla_WIR, bleiben Passanten staunend stehen, wenn andere unerwartet schöne Klänge spielen – und das jetzt schon im dritten Jahr. Auf unserer Seelsorgebank rückzugs:wort entstehen ohne Verabredung tiefsinnig-wohltuende Gespräche, wo Menschen sich spontan die Aufmerksamkeit von uns Seelsorger*innen schenken lassen.

Auch unsere Aktionen rund um den Weltflüchtlingstag setzen auf diese Sichtbarkeit auf dem Platz, wenngleich mit traurigem Hintergrund: Zwei Jahre in Folge haben wir jetzt schon die Mahnmalinstallation „Beim Namen nennen“ aufgebaut. An diesem Mahnmal mit den Namen der Toten an Europas Grenzen können alle Menschen mitschreiben. So tragen wir ihre Schicksale in unsere Stadtöffentlichkeit. Gleichzeitig wird in der Kirche der Toten gedacht. Diese Mischung von drinnen und draußen macht es so besonders. Ein breites Bündnis von Organisationen und Initiativen unserer Stadt plant und unterstützt diese Aktion.

Und dann die Festivals: Beim Stadtfest „Essen Original“ liegen wir mittendrin, haben 2022 die Taufe als Lebensgefühl erlebbar gemacht und in diesem Jahr die Diakonie mit ihrem Jubiläum beherbergt. Bei LICHT & SEGEN, unserem ökumenischen Angebot zum Essen Light Festival, ziehen unsere Lichtinstallationen in der Kirche Tausende in den Bann, wenn sie Kerzen entzünden und sich segnen lassen. Da bekomme ich noch immer eine Gänsehaut.

GIBT ES ANLIEGEN, PROJEKTE, INITIATIVEN, AUF DIE SIE SICH IN DER KOMMENDEN ZEIT BESONDERS FREUEN?

Ab diesem Wochenende eröffnen wir die Mitmachinstallation LUX OVALIS, die erstmals in Essen zu Gast ist. Es ist ein Kunstwerk, so bunt wie wir Menschen. Eine Künstlergruppe der Peter Behrends School of Arts aus Düsseldorf hat sie entwickelt, aber sie ist nie fertig. Denn LUX OVALIS wird von den Besuchern selbst mit Farbe gefüllt, jeder in einem von 5.500 kleinen Flaschen. Ich bin sehr gespannt, wie bunt unsere Kirche bis Ende September wird.

Langfristig sehe ich mit großer Freude dem Einzug unserer neuen Nachbarin, der Zentralbibliothek, entgegen. Hier entsteht rund um den Marktplatz ein kraftvoller Ort für die Begegnung von Menschen aus allen Richtungen unserer Stadt.

NACH EINEM STRESSIGEN ARBEITSTAG – WAS HILFT IHNEN DABEI, ABZUSCHALTEN?

Ganz klar: Meinem gerade eingeschulten Sohn abends ein paar Kapitel vorzulesen, ist festes Einschlafritual, und wenn mich meine frisch geborene Tochter anstrahlt, sind alle Aufgaben vergessen. Wenn ich danach noch wach genug bin, greife ich selbst zum Buch. Und wenn ein Nachmittag frei von Terminen ist, grabe ich im Schrebergarten den Kartoffelacker um.

ZUR PERSON: JAN VICARI

Jan Vicari wurde 1989 in Remscheid geboren und hat Theologie und Politikwissenschaft in Wuppertal, Tübingen und Edinburgh studiert. Nach dem 1. Theologischen Examen 2017 und einer Phase der Elternzeit absolvierte er sein Vikariat in der Evangelischen Kirchengemeinde Essen-Kray. Im Juni 2022 wurde er in der Marktkirche zum Pfarrer ordiniert und versah dort seitdem den größten Teil seines Probedienstes. Jan Vicari ist zweifacher Vater und lebt mit seiner Familie in Kray.

 

 

 

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